Fachgruppe
Tanztherapie
Professor (Univ. Tiflis) Dr. Yolanda Bertolaso:
"Tanztherapie ist eine künstlerische, nonverbale, ressourcenorientierte
Therapieform. Sie basiert auf der Tanzkunst, der Bewegungsanalyse und auf
therapeutischen und humanistischen Kompetenzen. Beim Therapeuten wird die
Beherrschung und der professionelle Umgang mit den vorgenannten Parametern
vorausgesetzt. Des weiteren sind Musikalität, Kreativität und Phantasie
wesentliche Bestandteile einer professionellen Tanztherapie. Künstlerische
Tanztherapie ist abzugrenzen von Gesprächstherapie oder Psychotherapie mit
Bewegung, Bewegungstherapie, Physiotherapie, Psychomotorik und freier
Improvisation bzw. reinem Ausagieren."
Hierzu ein Zitat von Mary Wigman:
"Viele Merkmale weist der seinem lebendigen Instrument verhaftete Mensch
auf, die ihn eindeutig als Tänzer kennzeichnen. Das untrügliche Zeichen
seiner Tänzerschaft aber ist das Auge, dessen Blick sich mit der
einsetzenden Konzentration auf den tänzerischen Vorgang verwandelt und den
Tanzenden stigmatisiert.
Dieser jedem Tänzer eigentümliche Blick ist ein Sehen ohne wahrzunehmen, ist
ein die Umwelt durchdringendes Schauen in die Weite, in den Raum, ins
Nichts. Der Tanzende löscht die Welt der Realitäten um sich aus und
beschwört in sich das Bild seiner inneren Schau. Der starre Glanz des
tänzerischen Auges ist nicht leblos, denn er ist der Spiegel jener
geheimnisvollen Kräfte, die gestaltschaffender Antrieb sind. Die jeweilige
Tanzgestaltung bestimmt auch den Blick des Tänzers. Der tänzerische Blick
ist ein visionäres Schauen... Wer den tänzerischen Blick nicht hat, ist kein
Tänzer." (Zivier, 1956. Harmonie und Ekstase. Mary Wigman. Berlin: Akademie
der Künste. S. 19.)
Aus universitärer Sicht zählt
Tanztherapie zu den
künstlerischen Therapien.
Als solche versteht sie sich als angewandte Tanzpsychologie in der doppelten
Bedeutung des Worts als adressatenbezogene Interpretation von Sinn und Gehalt
tänzerischer Materialität im Hinblick auf eine beabsichtigte Wirkung und als
ihre spezifische Funktionalisierung im Hinblick auf die jeweiligen Erfordernisse
in einem weiten Spektrum tanztherapeutischer Berufsfelder.
Zum einen wird
also aus der Art der Konfiguration des verwendeten Bewegungsmaterials auf den
Bedeutungsgehalt eines Tanzes oder einer Bewegungsimprovisation geschlossen und
zum anderen werden Tänze oder Substanzen daraus diagnosespezifisch für
therapeutische Ziele verwendet. Hierzu werden die vier Merkmale eines
Bewegungsgeschehens Körper, Raum, Energie und äußere Form und Struktur im Sinne
der Erweiterung des Bewegungsrepertoires und zur bewussten Choreographie der
Lebensmelodie diagnostiziert und trainiert.
Tanztherapie als
psychotherapeutisches Verfahren unterliegt den in der Psychotherapie geltenden
drei Stufen Remoralisierung, Remediation und Rehabilitation. In der Phase der Remoralisierung soll Zuversicht, Glauben an sich selbst, Optimismus,
Hoffnung und Vertrauen in die eigenen Ressourcen wie auch in die therapeutische
Kunst vermittelt und damit eine erfolgreiche compliance mit dem Therapeuten
hergestellt werden. Im Zustand von Entspannung, Gelassenheit und aktivem Mittun
kann die künstlerische orientierte Tanztherapeutin anhand diverser Spiele die
entscheidenden Kriterien finden, ohne die Patienten Tests und Befragungen
unterziehen zu müssen. Diese auf fundiertem Bewegungsbeobachtungstraining
basierende Phase gilt als die besonders bedeutsame Phase der Diagnostik. In ihr
wird ressourcenorientiert ermutigt, indem auf das Verhalten im Raum als fiktiver
Welt geachtet wird und die innere Energie unter den Aspekten der Vertikale
(Kraft und Selbstrepräsentanz), Horizontale (Kinesphäre, Raum- und
Beziehungsebene), Sagittale (Zeit- und Entscheidungsfindung) und des Bewegungs-
und Muskelspannungsflusses (Fluss eines Geschehens als emotionale Ebene)
untersucht und geübt und mit den zugehörigen bedeutungstragenden Formen in
Gestik und Körperhaltung in Beziehung gesetzt werden. Aus einem solcherart
bewusst gemachten Verhalten wird auf den Rhythmus (R) der Energie (E) und ihrer
Struktur (S) in der Körperbewegung geachtet und zur Auswertung des
Therapieerfolgs in ein RES-Profil eingetragen.
Die Phase der Remediation
widmet sich dem eigentlichen Leiden. Sie umfasst eine immense Spannweite an
methodischen Ansätzen. Je klarer die Hinweise der auf Bewegungsbeobachtung
fußenden Diagnostik ausfallen, desto zielstrebiger kann das individuelle
Therapieziel angegangen werden. In dieser Stufe der Erlebnisvertiefung werden
die RES-Anteile in der Expressivität von Selbstkundgabe, Hörer-/Zuschauerbezug
und Effektivität und Effizienz verfolgt und im nonverbalen
Kommunikationstraining mit erfahrungsvertiefenden und -modifizierenden Methoden
variiert. Anhand von kausalattribuierenden Techniken wird versucht, zum Umgang
mit eigenen und fremden Persönlichkeitsstilen zu befähigen, die Sinnprinzipien
von Leidenstypen zu verstehen und mit symbolhaltigen Ausdrucksstudien und
choreographischen Gebilden geeignete psychische Abwehrmechanismen zu
stabilisieren und in Energiehaushalt und Gestaltung seiner Lebensform eine
optimistischere Sichtweise aufzubauen.
Die Phase der Rehabilitation ermöglicht die Anwendung der in der zweiten Stufe gelernten
Fertigkeiten und dient der Kontrolle, ob sie im Ernstfall angemessen angewendet
werden können. Mögliche Situationen werden in der auf Kompetenztraining
ausgerichteten Handlungsaktivierung simuliert.
Tanztherapie als vornehmlich
körper- und schwerkraftorientierte Richtung beeinflusst die Haltung, beansprucht
und reguliert sinnesorganische und motorisch-physiologische Vorgänge. Darüber
hinaus zielen die verschiedenen Formen der Bewegung und des Tanzes auf Partner-
und Gemeinschaftserlebnis und verhelfen im Ausdruckstanz zu einem tieferen
Verständnis seiner selbst und zu einem authentischen Verhalten.
Sofern Tanztherapie Musik als
ein hauptsächlich den Bewegungsfaktor Zeit und die mit der Zeitgestaltung
verbundenen Qualitäten bestimmendes, die persönliche Intonation, Stimmung und
Resonanz betreffendes Medium verwendet, wählt sie diese sorgfältig aus, indem
sie sie unter analogen musikpsychologischen Kriterien untersucht [2].
Künstlerische Tanztherapie geht schon aus diesem Grund über andere
tanztherapeutische Richtungen hinaus, die die amerikanische Gesellschaft für
Tanztherapie
ADTA
als „die psychotherapeutische Verwendung von Tanz und Bewegung zur Integration
von körperlichen, emotionalen und kognitiven Prozessen des Menschen“ definiert.
Unter Tanztherapie
wird in den USA eine 1966 in New York vollzogene Zusammenfassung von
tänzerischen, bewegungs- und z. T. körpertherapeutischen Richtungen verstanden,
die der physischen und psychischen Integration des Einzelnen und seiner
Beziehungsfähigkeit dienen sollen. Während die kalifornische Bewegungstherapie
vorwiegend auf die authentische Bewegung abzielt, an C. G. Jung angelehnt ist,
ohne Musik, in Einzeltherapie und in einem eher kleinen Raum einer Privatpraxis
stattfindet, spielt sich die von der Westküste der USA ausgehende Tanztherapie
hauptsächlich in der Gruppe und mit Folklore-, Pop- und klassischer Musik in der
Halle einer Klinik ab, betont den spielerisch-kreativen Aspekt und eher ein
künstlerisches Lebensgefühl. Inzwischen hat sich das Methodenrepertoire
erheblich erweitert und umfasst Elemente
rhythmisch-musikalischer Erziehung und Tanzpädagogik ebenso wie
tänzerisch-psychomotorischer Ansätze und des um 1970 aktuellen Sensivity- und
Encountertrainings bis hin zu Erkenntnissen aus der Hirnforschung.
Universitäre Tanztherapie
in Deutschland
Inhaber der einzigen
Univ.-C4-Professur mit der Bezeichnung Tanztherapie ist Univ.-Prof. Dr. Dr. Karl
Hörmann (www.tanzwissenschaft.de).
Seit 1972 finden in
Deutschland in jedem Semester Lehrveranstaltungen zur Tanztherapie an
Universitäten statt, zuerst in Freiburg (1973-1977), seit 1977 bis heute in
Münster und zeitweise seit 1986 in Köln und Prag.
Tanztherapie wurde erstmals
1969 von Liljan Espenak, Absolventin der Hochschule für Leibeserziehung Berlin
(Vorgängerin der heutigen Deutschen Sporthochschule), als berufsbegleitendes
Studium in New York eingerichtet. Bis kurz vor ihrem Tod 1988 hat sie Workshops
an der Forschungsstelle für Musik- und Tanztherapie, Deutsche Sporthochschule
Köln, durchgeführt und wesentliche Impulse für dieses Weiterbildungsstudium
Tanztherapie gegeben.
Das
Weiterbildungsstudium
Tanztherapie - und das
kombinierte Musik- und Tanztherapie-Weiterbildungsstudium - wurde an der
Universität Münster von 1998 eingerichtet. Seit
2008
besteht unabhängig von der Universität Münster
der akkreditierte und international anerkannte Master-Studiengang "Angewandte
Tanzpsychologie / Künstlerische Tanztherapie" der Staatlichen Universität
Tiflis. Direktorin ist Professor (Univ. Tiflis) Yolanda Bertolaso, M.A.
Durch die Hereinnahme der
Tanztherapie in den Titel des 1988 gegründeten wissenschaftlichen Organs
"Musik-, Tanz- und Kunsttherapie - Zeitschrift für künstlerische Therapien im
Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesen" (MTK)
wurde die Tanztherapie demonstrativ den zu jener Zeit schon mit
Hochschulstudiengängen vertretenen beiden Disziplinen Musiktherapie und
Kunsttherapie gleichgestellt.
Wie in allen Sparten
künstlerischer Therapien ist auch auf dem Gebiet der Tanztherapie das Niveau
sehr unterschiedlich. Um der Qualitätssicherung im Gesundheitswesen willen und
nicht zuletzt aber auch um einer angemessenen Betätigungsmöglichkeit und
Bezahlung qualifizierter Tanztherapeuten willen sind die genannten Einrichtungen
bestrebt, die inzwischen erreichten wissenschaftlichen, künstlerischen und
therapeutischen Standards zu halten und weiterzuentwickeln. Dazu dient
einerseits das Weiterbildungsstudium bzw. der M.A.-Studiengang Tanztherapie
sowie das Promotionsstudium und andererseits die Supervision tanztherapeutischer
Praxis. Interessenten mit entsprechender Vorerfahrung und qualifizierte
Tanztherapeuten sind zur Mitarbeit, Fortbildung, Supervision,
Qualifikationserweiterung und zur Übernahme von Multiplikatorenaufgaben herzlich
willkommen.
Berufsfelder der Tanztherapie
Das Berufsfeld der
Tanztherapie umfasst ein weites Spektrum. Tanztherapie findet sich in der
Kinder-, Jugend- und Gerontopsychiatrie, Sozial- und Pädiatrie, Neurologie,
Onkologie, in Kur- und Rehabilitationszentren, Altenheimen, Forensik,
Nachsorgeeinrichtungen und sozialpsychiatrischen Einrichtungen, darüber hinaus
in der Prävention, wozu die Kinder-, Jugend- und Altenarbeit sowie
Beratungsstellen zählen, und in der Entwicklungsförderung wie
Behinderteneinrichtungen, Frühförderung, Sonder-, Förderung- und
Integrationsschulen und -tagesstätten und Heimen.
Tanztherapie eignet sich bei
körperlichen, emotionalen und kognitiven Störungen, vor allem zur
Stressreduktion und zur Schaffung eines besseren Körpergefühls. Die
amerikanische Gesellschaft für Tanztherapie nennt insbesondere:
Autism: therapists connect on a sensory-motor level, provides a sense of
acceptance and expands skills and cognitive abilities, increases maturity
Learning Disabilities: develops better organizational skills,
learns/experiences control and choice, higher self confidence, new
inspirations to learn
Mental
Retardation: improves body image, social skills, coordination, and motor
skills, promotes communication
Deaf
and Hearing Impaired: reduces feelings of isolation, provides inspiration
for relationships
Blind and Visually
Impaired: improves body image, motor skills, and personal awareness
Physically Handicapped:
improves motor skills and body image, provides a way to communicate and
express emotions
Elderly: provides social
interaction, expression, and exercise, alleviates fears of loneliness and
isolation
Eating Disorders: alters
distorted body images which helps end destructive behaviors, discovers
symbolic meanings
Parkinson's Disease: uses
rhythm to help reduce body dysfunctions which improves motor abilities,
balance, and use of limbs
Holistic Birth
Preparation: implores relaxation techniques to reduce anxiety, learn
breathing techniques and release
Referenzen
Fachzeitschrift
Weblinks
Professor
(Univ. Tiflis) Dr. Yolanda Bertolaso