Musik wird von den Bewegungsfaktoren Zeit und Kraft und ihren
sinnesphysiologischen, auditiven und kinästhetischen Korrelaten
bestimmt. Der Mensch der Gegenwart wird jedoch wesentlich vom
Auge geleitet, wir leben im "optischen Zeitalter". Da "Wissen"
vom lateinischen "videre" kommt und somit ohne genaues
Beobachten und Hinsehen kein wissenschaftliches Arbeiten möglich
ist, wird dem Training von Selbst- und Fremdbeobachtung als
Voraussetzung zur Diagnostik in der Musiktherapie besondere
Aufmerksamkeit gewidmet.
Eine auf Beobachtungstraining und Bedeutungsanalyse fundierte
Musiktherapie eignet sich zum schnellen Erkennen von Problemen
der Daseinsbewältigung und zur Erlebnisintensivierung und
Beeinflussung des Verhaltens, Erlebens und Denkens. Da kreatives
Tun und nachvollziehendes Erleben im therapeutischen
Zusammenhang immer adressatenbezogen zur Geltung kommt und
sowohl ein besseres Verstehen und vertiefteres Erleben als auch
eine gekonntere, erfolgreichere und befriedigendere
Handlungsfähigkeit, die auf das Leben außerhalb der
Therapiesituation übertragbar ist, bewirken soll, bedarf es dazu
einer Liste von Kriterien, die im therapeutischen Prozeß und zur
Herstellung einer therapeutischen Beziehung zu beachten sind. Zu
anderen Therapieverfahren bestehen somit gravierende
Unterschiede.
Musiktherapie als Vergangenheit, Gegenwart und Erwartung
akzentuierendes Gebiet erreicht wegen der Augenblicksbezogenheit
von Musik und Musizieren am unmittelbarsten die überdauernden,
kurzfristigen und momentanen Gefühle. Singtherapie intensiviert
die Atmung (= griech. psyche) mit ihren vielfältigen
Auswirkungen auf Sprechen und Selbstrepräsentanz,
Gruppenmusizieren schafft und reguliert Kommunikationsprozesse,
freies und gelenktes Musikhören eignet sich wegen der
assoziationsfördernden Wirkung und Regulierung von
psychophysischen Prozessen sowohl für tiefenpsychologische als
auch für kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze.
Mit Singen, Tanzen und Musizieren wurden seit jeher Gefühle
ausgedrückt und Stimmungen beeinflusst. Musik belebt und
beruhigt, muntert auf und tröstet, lenkt ab und übertönt, macht
nachdenklich und kann verwirren, abstoßen und läutern. Ihr
therapeutischer Wert wird bereits in der Bibel erwähnt, wenn
David mit seiner Zither dem schwermütigen Saul aufspielt. Heute
wird der psychotherapeutische und förderpädagogische Nutzen von
Musik gezielt im Singen, Tanzen und Improvisieren mit einfachen
Instrumenten sowie beim Musikhören zur Beeinflussung der
Befindlichkeit und Gedanken verwendet. Hierbei wird von
prinzipiell zwei Ansätzen ausgegangen: a) Musiktherapie als
klinischer Zweig wie Musikpsychotherapie oder musikalisches
Gestalten in der Ergotherapie oder musikalische Abwechslung im
Krankenhaus oder assoziatives Musikhören in der ärztlichen
Psychotherapie oder auch nur zur Ablenkung und Angstverminderung
im Wartezimmer und vor der Operation. b) Musiktherapie als
Angewandte Musikpsychologie in der doppelten Bedeutung von
Musikpsychologie als Analyse des psychischen Gehalts des
Musikwerks bzw. des musikalischen Geschehens und als gezielte
Verwendung einer solcherart analysierten Musik auf der Grundlage
der drei Prinzipien Diagnostik (des Zustands und der
Befindlichkeit), Erlebnisvertiefung (in beruhigender,
antriebsfördernder und konfliktbearbeitender Absicht) und
Handlungsaktivierung (zur Befähigung zum eigenständigen Umgang
mit sich mit Hilfe von Musik außerhalb und nach der Therapie).
Musiktherapie wird in vielfältiger Weise eingesetzt wie z. B.
bei psychischen Störungen wie Depression, bei psychosomatischen
Beschwerden wie Schlafstörungen, zur Kontaktaufnahme etwa bei
autistischen Kindern, zur Ablenkung und Erheiterung Leidender
wie z. B. krebskranker Kinder, zur Aktivierung von Erinnerungen
und zum gemeinsamen Singen und Begleiten vertrauter Lieder in
der Geriatrie, zur Erlebnisvertiefung in der Gesprächstherapie
und Psychoanalyse, zur Einübung sozialer Verhaltensweisen und
zur Regulierung nichtsprachlicher Kommunikation in der
instrumentalen und tänzerischen Gruppenimprovisation, zum
Zusammenschluss Behinderter zu einem Orchester oder einer Band,
zur Trauerverarbeitung und Weckung von Kreativität, Geselligkeit
und Lebensfreude, zur Reflexion von möglichen Vorbildern in
Lied- und Operngestalten, zur spirituellen Erbauung und
religiösen Sinnfindung beim Hören und Musizieren von
Kirchenmusik.
In der Einzelmusiktherapie wird zum Singen und
Musizieren angeregt oder problembezogen Musik zum Hören und
Ingangsetzen emotionaler Prozesse ausgesucht. In der
Gruppenmusiktherapie wird gemeinsam gesungen und getanzt sowie
mit Klangtrance gearbeitet und auf einfachen Instrumenten
musiziert, um Gefühlsreaktionen und Beziehungsaspekte zu
verstärken, tiefer liegende Ursachen von Störungen bzw.
Beschwerden zu analysieren und mit musiktherapeutischen Methoden
ein neues Verhalten, Erträglichwerden des Leidens und ein
optimistischeres Denken und Fühlen anzustreben.
Musiktherapeuten arbeiten in Kliniken. Freiberuflich dürfen
sie nur als Arzt, Heilpraktiker, zugelassener Psychologe oder
approbierter Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut tätig
werden. Kenntnisse von Musiktherapie als Angewandter
Musikpsychologie sind aber auch für konzertierende Musiker von
Vorteil und erleichtern Musikpädagogen ihre Arbeit.
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künstlerische Therapien
© Univ.-Prof.
Dr. Dr. K. Hörmann
habilitierter
Dipl.-Musikpädagoge und Schul- u. A-Kirchenmusiker
mit uneingeschränkter amtlicher Erlaubnis zur Ausübung der
Heilkunde inkl. Psychotherapie.
C4-Univ.-Prof. für Musik- und Tanzpädagogik und Musik- und
Tanztherapie und
langjähriger Leiter des Vollzeit- und Weiterbildungsstudiums
Musiktherapie an der Medizinischen Fakultät der Universität
Münster und des früheren gleichnamigen Studiengangs an der
Karls-Universität Prag